Epigenetik beim Hund
Wie Gene, Umwelt und Erfahrungen zusammenspielen

Warum entwickelt sich ein Hund so, wie er sich entwickelt?

Diese Frage lässt sich nicht allein mit seiner Rasse oder seinem Erbgut beantworten. Gene sind eine wichtige Grundlage. Gleichzeitig spielen Entwicklung, Umwelt, Erfahrungen, soziale Beziehungen, Lernen und individuelle Lebensbedingungen eine Rolle. Die Epigenetik beschäftigt sich mit biologischen Mechanismen, die daran beteiligt sein können, wie Gene reguliert und genutzt werden.


Was bedeutet Epigenetik?

Vereinfacht gesagt geht es bei der Epigenetik darum, wie Zellen mit der vorhandenen genetischen Information umgehen. Ein wichtiger Mechanismus ist die DNA-Methylierung. Dabei verändert sich nicht die DNA-Sequenz selbst. Die epigenetische Regulation ist ein komplexes biologisches System und kein einfacher Schalter nach dem Prinzip „Umwelt an – Gen an“.


Was weiß die Forschung beim Hund?

Auch bei Hunden wird inzwischen untersucht, wie epigenetische Markierungen mit Verhalten und Entwicklung zusammenhängen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 untersuchte unter anderem die Methylierung des Oxytocin-Rezeptor-Gens OXTR bei Hunden. Bei 217 Border Collies wurden Zusammenhänge zwischen bestimmten Methylierungsmustern und Reaktionen auf eine soziale Stresssituation beobachtet. Die Autoren betonen zugleich, dass weitere Forschung notwendig ist, um die zugrunde liegenden Umweltfaktoren zu verstehen. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2024 verglich Hunde mit unterschiedlichen frühen Lebensgeschichten. Dabei wurden Unterschiede bei Methylierungsmustern von NR3C1 und OXTR sowie Zusammenhänge mit Stress- und Bindungsmerkmalen untersucht. Diese Forschung ist spannend. Sie bedeutet jedoch nicht, dass ein bestimmtes Verhalten durch einen einzelnen epigenetischen Mechanismus erklärt werden kann.


Die frühe Lebensphase

Die Zeit während der Trächtigkeit und die ersten Lebenswochen sind wichtige Entwicklungsphasen. Deshalb betrachten wir die Bedingungen, unter denen unsere Hündinnen und Welpen leben, als wichtigen Teil unserer Verantwortung.

Wir achten auf:

  • eine gute Versorgung der Mutterhündin
  • eine möglichst sichere und ruhige Umgebung
  • altersgerechte Umweltreize
  • soziale Erfahrungen
  • ausreichend Schlaf und Ruhe
  • individuelle Beobachtung der Welpen
  • einen möglichst behutsamen Übergang in die neue Familie


Was sagt Dr. Peter Spork dazu?

Dr. Peter Spork ist Neurobiologe, Wissenschaftsjournalist und Autor. In seinem 2025 erschienenen Buch 'Die Epigenetik des Hundes' beschäftigt er sich mit der Bedeutung von Umwelt, Training und Zuchtumfeld für die Genregulation und Entwicklung von Hunden. Wir greifen seine Arbeit auf, weil sie wissenschaftliche Erkenntnisse zur Epigenetik für Hundehalter und Züchter verständlich aufbereitet. Dabei unterscheiden wir bewusst zwischen Sporks populärwissenschaftlicher Einordnung und den jeweiligen wissenschaftlichen Originalstudien.


Genetik bleibt wichtig

Epigenetik bedeutet nicht, dass Gene unwichtig sind. Im Gegenteil. Gesundheit, Körperbau, bestimmte Erkrankungsrisiken und viele weitere Eigenschaften haben genetische Komponenten. Deshalb bleiben Gesundheitsuntersuchungen, genetische Tests und eine sorgfältige Auswahl der Zuchttiere wichtige Bestandteile  unserer Zucht. Aber Genetik ist nicht die gesamte Geschichte.


Was bedeutet das für einen Welpen vom Schwalbenhof?

Für uns bedeutet Epigenetik nicht, dass wir Hunde „programmieren“ können. Wir können weder einen bestimmten Charakter garantieren noch die Entwicklung eines Hundes vollständig kontrollieren. Wir können aber die Bedingungen beeinflussen, unter denen ein Welpe seine ersten Erfahrungen macht. Deshalb verbinden wir: Gesundheit + Genetik + Umwelt + Sozialisation + Ruhe + Erfahrung + Familie

Diese Faktoren betrachten wir als Teile eines Ganzen. Ein guter Start ist kein fertiger Charakter. Ein Welpe bringt seine genetischen Voraussetzungen mit. Was daraus im Laufe seines Lebens entsteht, ist jedoch individueller. Die zukünftige Familie wird dabei zu einem wichtigen Teil seiner Umwelt. Deshalb endet unsere Verantwortung für einen Schwalbenhof-Welpen nicht mit der Übergabe. Wir möchten unsere Familien auch danach begleiten und stehen für Fragen zur Entwicklung, Erziehung, Ernährung und zum Alltag zur Verfügung.


Wissenschaftliche Einordnung

Die Epigenetik beim Hund ist ein noch relativ junges Forschungsgebiet. Die bisherigen Studien zeigen interessante Zusammenhänge, erlauben aber keine einfache Formel dafür, wie Zucht oder Aufzucht einen bestimmten Charakter erzeugen. Wir möchten deshalb bewusst zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, populärwissenschaftlicher Darstellung und unseren eigenen Erfahrungen unterscheiden. Für uns ist Epigenetik kein Zuchtversprechen. Sie ist ein weiterer Blickwinkel auf die faszinierende Frage, wie aus genetischen Voraussetzungen und Lebensbedingungen ein individueller Hund entsteht.


Weiterführende Literatur

Cimarelli et al. (2017), Social Behavior of Pet Dogs Is Associated with Peripheral OXTR Methylation, Frontiers in Psychology.

Awalt et al. (2024), A dog's life: Early life histories influence methylation of glucocorticoid (NR3C1) and oxytocin (OXTR) receptor genes, cortisol levels, and attachment styles, Developmental Psychobiology.

Spork, Peter (2025), Die Epigenetik des Hundes – Wie Umwelt, Training und Zuchtumfeld die Gene prägen, Franckh-Kosmos Verlag.